
Was Menschen, Tiere und Pflanzen uns über das Bewusstsein verraten | Michael Pollan
Michael Pollan und Andrew Huberman tauchen in die rätselhafte Welt des Bewusstseins ein – ein Thema, das Pollan in seinem neuesten Buch „A World Appears: A Journey into Consciousness“ erkundet. Das Gespräch verbindet Wissenschaft, Philosophie und persönliche Erfahrung und zeigt, wie Pflanzen, Tiere und der menschliche Geist miteinander verwoben sind.
Die Definition von Bewusstsein: Ein schwieriges Terrain- Bewusstsein ist das Einzige, dessen wir uns sicher sein können, doch eine einfache Definition bleibt schwer. Pollan schließt sich der Umschreibung als subjektive Erfahrung an: Wenn es sich anfühlt, etwas zu sein (z. B. ein Mensch oder ein Tier), dann ist Bewusstsein vorhanden.
- Er unterscheidet zwischen Sensienz – der grundlegenden Fähigkeit, Veränderungen in der Umwelt wahrzunehmen – und dem höheren Bewusstsein des Menschen mit Selbstreflexion und Metakognition.
- Pflanzen zeigen erstaunliche Problemlösungsfähigkeiten: Wurzeln können Labyrinthe navigieren, um Dünger zu finden, und Pflanzen reagieren auf Geräusche von fressenden Insekten.
- Verblüffend: Pflanzen reagieren auf dieselben Anästhetika wie Menschen – Venusfliegenfallen schnappen nicht zu, wenn sie betäubt sind. Dies wirft die Frage auf, ob sie eine Form von Sensienz besitzen.
- Pollan beschreibt die evolutionäre Strategie von Pflanzen: Sie manipulieren uns durch chemische Stoffe (Koffein, THC), um ihre Verbreitung zu sichern – ohne eigenes Bewusstsein, aber mit verblüffendem Erfolg.
- Die Unterscheidung zwischen „Ich“ und „Nicht-Ich“ ist fundamental. Schon Nervenzellen und Pflanzenwurzeln folgen dieser Regel: Sie wachsen, um Ressourcen zu erschließen, und meiden Konkurrenz mit Artgenossen.
- Dieses Prinzip könnte die Basis für komplexere Bewusstseinsformen sein – auch wenn es nicht direkt zu „Denken“ führt.
- Abweichend vom klassischen Fokus auf die Großhirnrinde argumentiert Pollan mit Antonio Damasio und Mark Solms, dass Bewusstsein im Hirnstamm und in Körpergefühlen (Hunger, Schmerz, Wohlbehagen) beginnt.
- Gefühle sind immer bewusst – sie müssen gespürt werden. Das Cortex fügt lediglich Interpretationen hinzu. Studien an Menschen ohne Cortex zeigen, dass sie weiterhin bewusste Empfindungen haben.
- Die Körper-Hirn-Kommunikation ist intensiv: 80 % der Informationen fließen vom Körper zum Gehirn, nicht umgekehrt. Ein Beispiel: Ingwer beruhigt den Magen und macht Menschen moralisch weniger streng – Emotionen wie Ekel werden körperlich „abgeprüft“.
- Pollan teilt seine eigene Erfahrung mit Psilocybin: eine vollständige Ego-Auflösung, bei der er zu „blauer Farbe“ und schließlich zu einer Bach-Komposition wurde. Das Subjekt-Objekt verschwimmt.
- Der Nutzen: Man erkennt das eigene Ego besser und kann es relativieren. Diese Erfahrung ist nicht dauerhaft, aber als Perspektivwechsel sehr wertvoll – auch durch Meditation oder Erlebnisse der Ehrfurcht (Awe) erreichbar.
- Pollan stellt Filtertheorien des Bewusstseins vor: Vielleicht ist Bewusstsein ein elektromagnetisches Feld, das wir mit unseren Gehirnen wie Radios empfangen. Aldous Huxley nannte das Gehirn ein „Reduzierventil“, das nur einen kleinen Ausschnitt der Realität durchlässt.
- Kollektives Bewusstsein ist kein esoterischer Traum, sondern ein Zustand, in dem die Grenzen des Selbst verschwimmen – was prosoziales Verhalten fördert, aber nie von Dauer ist.
- FDA-Zulassung von MDMA und Psilocybin steht kurz bevor. Pollan hofft auf eine verantwortungsvolle Einführung, warnt aber vor Risiken (Psychosen, unkontrollierter Konsum).
- Die Allianz von links und rechts – z. B. Veteranen, die Ibogain nutzen – treibt die Legalisierung voran. Dies zeigt, dass psychedelische Medizin heute über ideologische Grenzen hinweg Unterstützung findet.
- Pollan legte für sein Buch „This Is Your Mind on Plants“ drei Monate lang eine Koffein-Pause ein. Die Entzugsphase war hart: Er fühlte sich wie ein Fremder und konnte nicht schreiben.
- Nach dem Wiedereinstieg erlebte er eine unglaubliche Energie – besser als jedes Psychedelikum. Sein Fazit: Koffein ist ein mächtiges Werkzeug, das wir durch täglichen Konsum abstumpfen. Bewusster Konsum (z. B. nur am Wochenende) kann die Wirkung erhalten.
- Er betont, dass Drogen nicht gut oder böse sind – der Kontext entscheidet. Koffein ist ein Paradebeispiel für ein legales, gesellschaftlich akzeptiertes Mittel mit enormem Nutzen.
- Gartenarbeit lehrt Verantwortung für die Natur: Pflanzen haben eigene Interessen, die wir respektieren müssen.
- Hoffnung ist essenziell: Pollan schreibt stets mit einer positiven Perspektive – selbst über problematische Themen wie die Fleischindustrie zeigt er Alternativen auf (Weidehaltung statt Maisfütterung).
- Essen & Politik: Die Ernährungsbewegung sollte Allianzen über Parteigrenzen hinweg schmieden. Die Mah-Moms und die Slow-Food-Bewegung können gemeinsame Ziele erreichen (z. B. gegen Pestizide).
Am Ende steht die Erkenntnis: Bewusstsein ist kein einfaches Phänomen – es wird durch unseren Körper, unsere Sinne und unsere Beziehung zur Umwelt geformt. Und manchmal reicht eine Tasse Kaffee oder ein Blick in den Garten, um dem Geheimnis des Seins ein Stück näher zu kommen.






