Überblick
Ross Edgley ist ein britischer Ultra-Ausdauersportler, der um Großbritannien schwamm (~3.200 km in 157 Tagen), 510 km den Yukon River nonstop bewältigte und 30 Marathons in 30 Tagen lief. In diesem Gespräch mit Andrew Huberman geht es nicht um seine Rekorde, sondern um die Psychologie und Neurobiologie der Motivation – wie man harte Dinge durchsteht, Resilienz aufbaut und sein Gehirn dafür trainieren kann.
Das „Speichenrad“ der Motivation
Huberman schlägt ein Modell vor, bei dem Motivation aus vielen verschiedenen Quellen gespeist wird – wie Speichen eines Rades. Wichtig ist, flexibel zwischen ihnen wechseln zu können. Ross bestätigt: Was einen heute antreibt, kann morgen wirkungslos sein. Er nennt diese Quellen u. a.:
- „Weil ich es versprochen habe“ – Selbstrespekt und Integrität, besonders wenn man vor anderen angekündigt hat, etwas zu tun.
- Angst vor Scham / Enttäuschung – z. B. das Gefühl, andere oder sich selbst im Stich zu lassen.
- „F-U-Energie“ – der Antrieb durch Zweifel anderer („Du schaffst das nie“). Je weniger Zweifel, desto weniger nutzbar.
- Liebe und Verbundenheit – z. B. für das ungeborene Kind oder die Familie. Ross: Der Gedanke an seinen Vater (nach dessen Tod) oder an seinen Sohn gab ihm enorme Kraft.
- Gratulation und Dankbarkeit – „Ich kann es, also werde ich es tun“ – im Gedenken an Menschen, die es nicht mehr können.
- Geld als legitimer Antrieb – für die Familie und um langfristig mehr bewirken zu können.
- Reine Freude am Absurden – wie Sisyphus: „Der Kampf allein reicht aus, um das Herz eines Menschen zu füllen.“
Gehirnforschung und Willenskraft
- Anteriorer midcingulärer Kortex (aMCC): Diese Region steht für Zähigkeit, Willenskraft und die Bereitschaft, Hindernisse zu überwinden. Sie lässt sich durch harte Herausforderungen trainieren.
- Präfrontaler Kortex und Strategie: Der „Tube-Test“ zeigt: Die Aktivität in präfrontalen Regionen entscheidet über Sieg oder Niederlage – unabhängig von Hormonen oder Körperkraft. Die Strategie kann Liebe, Wut oder Ehrgeiz sein.
- Drei Grundoptionen bei Bedrohung: Vorwärts, stehen bleiben, zurückweichen – auch im übertragenen Sinne für Quitting vs. Durchhalten.
Stressimpfung durch Kälte und Schmerz
Ross beschreibt, wie wiederholte Kälteexposition und Schlafentzug die Wahrnehmung von Schmerz und Stress verändern. Was anfangs als unerträglich galt, wird später als „normal“ eingeordnet – Habituation als Trainingsprinzip. Er warnt aber: Man brauche ein Team, das einen vor sich selbst schützt („outsourcing common sense“).
Praktische Tools und Erkenntnisse
- Caffeine & Supplemente: Ross nutzt Koffein, Alpha-GPC, Kreatin u. a. gezielt, betont aber: Erst Verhaltensgrundlagen (Schlaf, Ernährung, Bewegung), dann Tools.
- Krafttraining für Ausdauer: Ein hohes Kraftniveau (z. B. 1RM Klimmzüge) macht jeden Schwimmzug zu einem geringeren Prozentsatz der maximalen Leistungsfähigkeit – das schützt vor Zusammenhalt und Verletzungen.
- Mentale Flexibilität: Mal im „Cyclops-Modus“ (100 % Fokus, Tunnelblick) sein, mal Panorama-Blick und Gelassenheit – je nach Kontext und Bedarf.
- Die 2-bis-5-Uhr-Regel: Gedanken und Entscheidungen in dieser Zeit sollte man nicht vertrauen.
- Stoizismus und Geschichten: Ross zieht Kraft aus Mythen (Odin, Berserker, Sisyphus) und persönlichen Vorbildern wie seinem Vater, der nach der Krebsdiagnose im Rollstuhl weiter Tennis coachte.
Kernbotschaft
Motivation ist keine statische Ressource, sondern ein dynamisches System. Wer Großes erreichen will, braucht mehrere innere Antriebsquellen, muss lernen, sie bewusst abzurufen, und sollte sich ein Umfeld schaffen, das einen trägt – und notfalls stoppt. Am Ende steht die Frage: Welche Geschichte erzählst du dir selbst, um weiterzumachen?