
Wie ErnĂ€hrungsentscheidungen GedĂ€chtnis, Kognition und HeiĂhunger beeinflussen | Dr. Scott Kanoski
Dr. Scott Kanoski, Professor an der USC, erforscht die Wechselwirkungen zwischen Hunger, GedĂ€chtnis und ErnĂ€hrung. Im GesprĂ€ch mit Andrew Huberman erklĂ€rt er, wie Nahrungsmittel das Gehirn beeinflussen â von GLP-1-Medikamenten bis hin zu kĂŒnstlichen SĂŒĂstoffen und dem Mikrobiom.
GLP-1 und Appetitkontrolle- GLP-1 (Glucagon-like Peptide 1) ist ein natĂŒrliches Inkretinhormon, das aus dem Darm und auch im Hirnstamm produziert wird. Es unterdrĂŒckt den Appetit und reguliert den Blutzucker.
- GLP-1-Medikamente (z.âŻB. Ozempic, Wegovy) erhöhen den GLP-1-Spiegel supraphysiologisch und fĂŒhren zu Gewichtsverlust, aber auch zu Nebenwirkungen wie Ăbelkeit.
- Die appetitunterdrĂŒckende Wirkung erfolgt teils ĂŒber den Vagusnerv (parakrine Signale von Darm zu Gehirn). Eine vollstĂ€ndige UnterdrĂŒckung des âFood Noiseâ könnte auf zusĂ€tzliche Rezeptoren im Hippocampus und prĂ€frontalen Kortex zurĂŒckgehen â dies ist jedoch noch unklar.
- Drei Lager: BefĂŒrworter (unbedenklich), Gegner (schĂ€dlich) und Unentschlossene. Die Studienlage ist widersprĂŒchlich.
- Tierversuche von Kanoski zeigten, dass jugendliche Ratten, die tĂ€glich kĂŒnstliche SĂŒĂstoffe (Stevia, Ace-K, Saccharin) in erlaubter Dosis erhielten, als Erwachsene GedĂ€chtnisdefizite und verĂ€nderte Glukoseregulation aufwiesen â selbst nach Absetzen der SĂŒĂstoffe.
- Die Ergebnisse sind prĂ€klinisch und nicht direkt auf den Menschen ĂŒbertragbar, aber sie weisen auf mögliche Risiken hin.
- Erinnerung an Mahlzeiten beeinflusst das spĂ€tere Essverhalten: Wer sich an ein kĂŒrzliches Essen erinnert, isst danach weniger.
- Ein Experiment mit einer âmagischen Suppenschaleâ (unsichtbare BefĂŒllung/Entleerung) zeigte, dass das gefĂŒhlte SĂ€ttigungsgefĂŒhl zunĂ€chst vom tatsĂ€chlich Konsumierten abhĂ€ngt, Stunden spĂ€ter jedoch von der Erinnerung an die PortionsgröĂe.
- Ungesunde ErnĂ€hrung (Western Diet) â hoher Zucker- und Fettanteil â fĂŒhrt bei Nagetieren zu hippocampusabhĂ€ngigen GedĂ€chtnisdefiziten, die sogar nach Umstellung auf gesunde Kost bestehen bleiben.
- Hitzebehandlung von Lebensmitteln (Maillard-Reaktion) erzeugt Advanced Glycation Endproducts (AGEs). In einer noch nicht veröffentlichten Studie fĂŒhrte eine AGE-reiche ErnĂ€hrung bei Ratten zu GedĂ€chtnisdefiziten, die durch Zugabe eines bestimmten MilchsĂ€urebakteriums (Lactobacillus) rĂŒckgĂ€ngig gemacht werden konnten.
- Bestimmte Darmbakterien korrelieren mit der GedÀchtnisleistung. Die Zuckeraufnahme verÀnderte die Bakterienpopulation (erhöhte Parabacteroides), was mit schlechterem GedÀchtnis zusammenhing.
- Durch gezielte Wiederansiedlung dieser oder anderer Bakterien konnten GedĂ€chtnisdefizite induziert oder gerettet werden â ein Hinweis auf die funktionelle Bedeutung des Mikrobioms.
- Das Feld ist noch jung; eine klare Liste âguterâ oder âschlechterâ Bakterien gibt es nicht.
- Der Vagusnerv ĂŒbermittelt Signale aus dem Magen-Darm-Trakt an das Gehirn. Eine Unterbrechung (z.âŻB. Vagotomie) kann GedĂ€chtnisprobleme verursachen.
- Kanoskis Labor konnte einen Dreistufen-Pfad identifizieren: Vagus â mediales Septum â Hippocampus, wobei Acetylcholin als Botenstoff fungiert.
- Faserphotometrie zeigte, dass die Acetylcholinfreisetzung im Hippocampus wĂ€hrend des Essens ansteigt und nach der Mahlzeit auf einem erhöhten Niveau bleibt â vermutlich um die Erinnerung an den Ort und die Art der Nahrung zu festigen.
- Interessanterweise tritt dieser Effekt nicht bei kĂŒnstlich gesĂŒĂten GetrĂ€nken auf â nur bei echten NĂ€hrstoffen.
- Oxytocin wird klassisch mit Bindung und AppetitunterdrĂŒckung assoziiert.
- Neue Studien zeigen jedoch: Im Hippocampus und im sozialen Kontext kann Oxytocin die Nahrungsaufnahme steigern (âsoziale Erleichterung des Essensâ). Dies unterstreicht die KomplexitĂ€t des Systems.
- Die ErnĂ€hrung hat einen tiefgreifenden Einfluss auf das GedĂ€chtnis und die Kognition, vermittelt ĂŒber Darm-Hirn-Signale, Mikrobiom und Neurotransmitter.
- PlastizitĂ€t des Belohnungssystems: Wer sich gesund ernĂ€hrt, kann seine Vorlieben so verĂ€ndern, dass ehemals hochverarbeitete Lebensmittel als zu sĂŒĂ oder unangenehm empfunden werden.
- Dr. Kanoski betont, dass die Forschung noch viele offene Fragen hat â insbesondere zu den Wirkmechanismen der GLP-1-Medikamente und zur Rolle einzelner Darmbakterien â, aber die Ergebnisse liefern wertvolle AnsĂ€tze fĂŒr eine gesĂŒndere Lebensweise.





